Von Berlin an den Bosporus
Die Geschichte deutsch-jüdischer Intellektueller in der Türkei der 1930er Jahre und ihr Einfluss auf die moderne Republik


Thema
Diese Unterrichtseinheit befasst sich mit der Auswanderung jüdischer Professor*innen aus Deutschland in die Türkei in den 1930er Jahren. Auch regt sie Schüler*innen (S*S) dazu an, sich anhand verschiedener Quellen, darunter auch Lebensgeschichten, mit der Rolle jener Migrant*innen in der Entwicklung der heutigen Türkei zu befassen. Hieran werden sonst weniger thematisierte Auswirkungen der Antisemitismuspolitik des nationalsozialistischen Deutschlands sichtbar, die bis heute nachwirken.
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Lehrplanbezug
Migration in der Geschichte; Menschenrechte; Zweiter Weltkrieg; Holocaust; Flucht und Vertreibung; Verfolgung und Widerstand; Lebenswirklichkeiten und Handlungsspielräume im Nationalsozialismus zwischen Unterstützung und Anpassung.
Erwartete Kompetenzen
Historische Kompetenz, Urteilskompetenz, Kontroversität, Multiperspektivität; Diversity-Kompetenzen.
Im Rahmen von vier Unterrichtsstunden vergleichen die S*S Perspektiven in Darstellungen und beurteilen historische Situationen und Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven. Auch reflektieren sie die Perspektivität historischer Urteile und das Nebeneinander unterschiedlicher Einschätzungen. Darüber hinaus setzen sie Ergebnisse von Quellenkritik in Beziehung zum erschlossenen Inhalt und reflektieren Aussagen über die historische Wirklichkeit in Quellen und Darstellungen sowie deren strukturellen Charakter. In einer optionalen Zusatzstunde setzen sich die S*S mit Kontroversen zum Thema Migration in Deutschland auseinander.
Didaktische Perspektive
Durch ihren thematischen Fokus regt die Unterrichtseinheit zu Perspektivwechseln auf unterschiedlichen Ebenen an. Entlang biografischer Erzählungen jüdischer Migrant*innen und anderer Gegner des Nationalsozialismus, die Deutschland verließen, und befassen sich die S*S mit Hilfe von historischen Dokumenten mit einem Abschnitt der Geschichte, den sie wahrscheinlich schon in Verbindung mit der Flucht rund um den Zweiten Weltkrieg kennengelernt haben, allerdings mit einem ganz anderen regionalen Schwerpunkt.
Während die gravierendsten Folgen der nationalsozialistischen Politik vor allem auf Deutschland einen großen Raum in Unterricht einnehmen, wird brain drain, also die Abwanderung von wissenschaftlich ausgebildeten, hoch qualifizierten Fachkräften, gewöhnlich höchstens mit der deutsch-amerikanischen Migrationsgeschichte rund um den Holocaust sowie in Bezug auf aktuelle Migrationsbewegungen in Verbindung gebracht werden, aber nicht mit der deutsch-türkischen Verflechtungsgeschichte. Dieser Fokus beabsichtigt, den S*S neue Perspektiven zu eröffnen und die oft recht stereotype Vorstellung von deutsch-türkische Migration aufzuweichen oder um eine weitere Perspektive zu erweitern.
Neben einer Erweiterung des Geschichtsunterrichts um eine neue globale Perspektive ist die Unterrichtseinheit ebenfalls für den Einsatz im herkunftssprachlichen Unterricht in Türkisch vorgesehen und liegt hierfür ebenfalls in türkischer Sprache vor. Der Ablaufplan orientiert sich, wie in allen Zwischentöne-Unterrichtseinheiten, an Regelschulstunden und ist in 45-minütigen Einheiten organisiert. Da herkunftssprachlicher Unterricht in der Regel etwas anders funktioniert, heben wir in der türkischen Version an verschiedenen Stellen hervor, welche Elemente sich unserer Meinung nach besonders für diese Form des Unterrichts eignen. Außerdem enthält die türkische Version ergänzend kurze Materialien, die im herkunftssprachlichen Unterricht ggf. alternativ zu den längeren Quellen und Übungen im verwendet werden können. Auch möchten wir Geschichts- sowie Sprachlehrer*innen dazu anregen, über eine Zusammenarbeit auf der Grundlage dieser Unterrichtseinheit nachzudenken.
Während es zwei Versionen, eine auf Deutsch, eine auf Türkisch gibt, die prinzipiell jeweils für die oben genannten Unterrichtsfächer gedacht sind, haben wir innerhalb der beiden Versionen jeweils bilinguale Momente eingebaut, die dazu genutzt werden können, Mehrsprachigkeit im Geschichtsunterricht wertschätzend aufzugreifen, indem türkischsprachige S*S im deutschsprachigen Unterricht ihre Sprachkenntnisse einsetzen können, z.B. in der Erschließung von originalsprachlichen Quellen, die ihre Mitschüler*innen lediglich in deutscher Übersetzung lesen können. Auf diese Weise möchten wir dazu anregen, diese von Haus aus mitgebrachten Fähigkeiten wertschätzend im Unterricht hervorzuheben. Zudem könnten die mehrsprachigen Elemente auch türkischsprachigen S*S, die Deutsch noch nicht auf muttersprachlichem Niveau beherrschen, Verständnisbrücken bauen und Augenblicke schaffen, in denen sie sich voll und ganz auf die Inhalte konzentrieren können, ohne zunächst sprachliche Barrieren überwinden zu müssen.
Sie können auch die gesamte Materialsammlung zusammen mit dem kompletten Text dieser Unterrichtseinheit herunterladen.