Spuren jüdischer Geschichte in meiner Stadt

Vorbereitung eines Schulprojekts

Von: Katarzyna Jez
Didaktisierung: Nataliia Tkachenko

Sachinformation

Worum geht es?

Jüd*innen und jüdisches Leben sind seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der Geschichte des deutsch- und polnischsprachigen Raums. Im Laufe der Jahrhunderte haben die europä­ischen Jüd*innen sowohl Inklusion und Anerkennung ihrer Rechte als auch Verfolgung, Hass, Vertreibung und Pogrome erfahren. Mit der Machtübernahme der National­sozialist*innen in Deutschland im Jahr 1933 entfaltete sich eine rassistisch-antisemi­tisch begründete Verfolgung der Jüd*innen. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs star­teten die deutschen Nazis und ihre Kollaborateur*innen das beispiellose Vorhaben, alle euro­pä­ischen Jüd*innen zu ermor­den. Die Vernichtung des vor dem Krieg blühenden jüdischen Lebens ging einher mit der Auslöschung von zahlreichen Orten jüdischen Lebens, der Zerstörung von Synagogen, der Verwüs­tung jüdischer Friedhöfe und damit der Zerstörung des kulturellen Erbes dieser Gemeinschaft.

Die Rückkehr der jüdischen Holocaust-Überlebenden in ihre Dörfer und Städte war mit der Erkenntnis verbunden, dass sie geliebte Menschen verloren hatten. In ihren Häusern lebten bereits neue Einwohner*innen und ihre Geschäfte oder Werk­stätten hatten inzwischen neue Besitzer*innen. Die oft aus der KZ-Gefangenschaft oder dem Exil zurückgekehrten Jüd*innen sahen sich trotz der Niederlage der Nazis weiterhin mit den Ressentiments ihrer ehemaligen Nach­bar*innen und antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Viele Überlebenden wander­ten schließlich in andere Länder aus, da ihre ehemaligen Lebensräume und Gemein­den in ihren Heimatländern zerstört oder nicht mehr existent waren.

In einigen deutschen Städten und Gemeinden trugen die energischen Bemühungen von Selbstorganisationen dazu bei, jüdisches Leben wieder sichtbar zu machen. In der kommunis­tischen Volksrepublik Polen standen hingegen die nationale Geschichte und der gemeinsame Mythos einer ethnisch homogenen Gesell­schaft im Vordergrund. Jüd*innen sahen sich über gut vier Jahrzehnte lang einer sehr heterogenen Politik der kommunistischen Partei gegen­über, die von anfänglicher Unterstützung des Wiederaufbaus jüdischen Lebens über Unter­drückung und Verstaatlichung jüdischer Institutionen bis hin zu antisemitischen Kampag­nen reichte. Erst in den 1990er Jahren erlebte die jüdische Minderheit in Polen eine gewisse Wiederbelebung und auch in wiedervereinigtem Deutschland trugen vor allem die aus der ehemaligen Sowjetunion eingewanderten Jüd*innen zum sichtbaren Aufblühen des jüdischen Lebens bei.

Spuren der jüdischen Vergangenheit finden sich heute an vielen Orten in Deutschland und Polen. Oft sind sie bruchstückhaft, schwer – wenn überhaupt – zu erkennen und bedürfen daher einer Sichtbarmachung, damit sie erkannt, benannt und im kulturellen Gefüge unserer Länder – Polen und Deutschland – richtig verortet werden können. Dies ist das Ziel dieser Unterrichtseinheit, die die S*S dazu ermutigen soll, die Spuren ihrer jüdischen Mitmenschen zu entdecken, ihre Geschichte(n) erkennbar zu machen und ihnen zu gedenken.

 

Welche Materialien werden verwendet?

Diese Unterrichtseinheit dient zur Vorbereitung eines Schulprojektes, in dessen Rahmen die S*S die Möglichkeit haben, sich mit der jüdischen Geschichte und Gegenwart in ihrer Umgebung auseinander­zusetzen bzw. diese zu entdecken. Zunächst machen sich die S*S mit der jüdischen Kultur und Tradition vertraut, lernen aber auch die Heterogenität jüdischen Lebens kennen. Dies erfolgt mithilfe von Videos oder Texten (ggf. auch mit beidem). In einer Einstiegsvariante setzen sich die S*S mit verschiedenen Selbstzeugnissen in kurzen Videos auseinander (Materialien 2-7), die ganz unterschiedliche Lebenskonzepte und Auffassungen von Jüd*innen in Deutschland und Polen zeigen. Auch werden Formen des Antisemitismus behandelt, in Variante A der ersten Stunde thematisiert ein Kurzfilm (Material 8) verschiedene in Deutschland typische Antisemitismusformen während in Variante B eine Reportage (Material 10) jüdisches Leben einschließlich antisemitischer Diskriminierung in Polen zeigen. In einer alternativen oder zusätzlichen Einstiegsvariante befassen sich die S*S mit zwei jüdischen Märchen (Materialien 11 und 12), mit jüdischer Kultur und Wertekanon, lernen aber auch, dass Märchen ein Genre ist, das Menschen oft schon in früher Kindheit mit verschie­denen Welten, Kulturen und Zeiten vertraut macht.

Die zwei weiteren Stunden sind um die Fragmente der Erzählung von Zbigniew Czarnuch aufgebaut – einem Zeitzeugen aus Lututów (Woiwodschaft Lodsch), der nach dem Zweiten Weltkrieg nach Witnica (Woiwodschaft Lebus) gezogen ist und dort als Geschichtslehrer gearbeitet hat. In seinem Bericht spricht er über seine Kindheit mit seinem besten Freund Icek, der in einer jüdischen Familie im Weluner Land (Polen) aufwuchs (Materialien 14, 15 und 21-26). Der Bericht steht zweisprachig zur Verfügung, sodass die S*S sich aussuchen können, ob sie ihn auf Deutsch oder Polnisch lesen möchten. Arbeitsblätter (Materialien 17-20 und 28-29) zu den oben genannten Texten helfen den S*S, über die beschriebene Realität nachzudenken und ihren eigenen Wortschatz zu erweitern und den Bericht als Oral-History-Dokument zu beurteilen.

Die Auseinandersetzung mit dem in Witnica (ehemals Vietz) durchgeführten Projekt im Rahmen der fünften Stunde liefert den S*S einen Anlass, zur jüdischen Vergangenheit ihrer Umgebung zu recherchieren, und vermittelt ihnen eine Vorstellung von möglichen Maßnah­men zur Entdeckung und Bewahrung der Erinnerung an die jüdischen Mitbewohner*innen in ihrer Stadt (Material 30). Falls in dem Ort, an dem sich die Schule befindet, keine jüdischen Spuren zu finden sind, kann auch über eine Nachbarstadt, -gemeinde oder einen anderen Ort in der Region recherchiert und möglicherweise Verbindungen zu lokalen Einrichtungen und Personen hergestellt werden, die in diesem Bereich tätig sind, z. B. thematische Museen, Archive oder Heimatkundler*innen. Die Vorlage für einen Aktionsplan (Material 31) hilft den S*S dabei, ihr Projekt zu planen.

Als Abschluss des Schulprojektes werden die Ergebnisse präsentiert. Hierzu ist es ratsam, verschiedene Medien zu nutzen: Internet, lokales Radio und Zeitungen, Anwendungen (Apps) zur Erstellung von Tourenrouten usw. Wenn möglich, können die Produkte des Projektes bei anderen Veranstaltungen in und um die Schule (historische oder kulturelle Veranstaltungen) präsentiert werden. Das Projekt bietet auch Möglichkeiten für interdisziplinäres Arbeiten, z. B. in Kombination mit dem Geografieunterricht bei der Erstellung der Karte und kann auch fächerübergreifend im Geschichts- und herkunftssprachlichen Unterricht wie auch im Religionsunterricht bearbeitet werden. Es ist sinnvoll, schon im Vorwege auch über die mögliche Nachnutzung der Projektergebnisse nachzudenken. Sofern die Lehrkraft mit dem Einsatz von KI und digitalen Angeboten im historischen Lernen vertraut ist oder sich vorstellen kann, damit zu arbeiten, kann sie sich beispielsweise über folgende auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Angebote (ein Beitrag und ein Podcast) hierzu informieren: https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/517178/kuenstliche-intelligenz-trifft-zeitzeugeninterviews/ und https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werk
statt/541433/ki-und-erinnerungskultur-mit-anne-lammers/
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Sie können auch die gesamte Materialsammlung zusammen mit dem kompletten Text dieser Unterrichtseinheit herunterladen.